Privateblog Cairo ‏القاهرة

Bericht aus dem feinstaubigen Urbanmonster am Nil | 2009-2011

Ma’a salama مع السلامة

Posted on Jul. 06, 2011 at 12:00 AM

Letzter Morgen in Wissa Wassef, das Feld vor meinem Haus ist wieder mit einem frischen Grasteppich bedeckt und die jungen Tauben unter dem Sonnenschirm sind kurz davor, das Nest zu verlassen. Frei nach Schmitz eine konkave Stimmung mit 'erfüllter Weitung', eine Verdichtung, der die physische Verankerung absehbar abhanden kommt. Ich werde das Gefühl an diesen Ort als 'taktile Einleibung' mitnehmen und die vielen liebenswerten Spinner in diesem Land vermissen. "Anna Masri, Inshallah, ah---", wie Julien beim letzten Gelage resümierte. Farewell Egypt, kämpft für Land und Leben und lasst Euch nicht unterkriegen.

Mugamma

Posted on Jul. 04, 2011 at 12:00 AM

Vor dem Abbrechen der Zelte verbringe ich meine letzten Tage in Ägypten auf der Mugamma, um eine Verlängerung meiner Aufenthaltsgenehmigung zu erwirken, damit das Auto an den neuen Besitzer überschrieben werden kann. Gestern stand ein alter Schwarzafrikaner mit einem Bein und Krücke vor mir in der Schlange, verzweifelt und aufgelöst, einen abgegriffenen Antragsbogen mit Foto von einem kleinen Jungen in der Hand, inmitten von Chaos, Geschrei, Schägereien und Hitze. Er hat die Nerven verloren, sass in der Ecke und hat nur noch geschluchzt.

Die Bearbeitungszeit für das Visum beträgt vier Tage, kann schliesslich auf drei verhandelt werden, dennoch muss der Rückflug umgebucht werden. Es folgen wiederholte Besuche im Behördenlabyrinth, beim Weg heute dorthin sagt der Taxifahrer "Mafiche Mugamma", der Laden sei dicht. Tatsächlich versammeln sich seit Tagen brutale Schlägertrupps mit Baseballschlägern vor dem Gebäude, das die Südflanke zum Tahrirplatz bildet und ein verhasstes Symbol des repressiven Staatsapparates darstellt. Die Vorhut einer Massendemonstration, die für Freitag angekündigt ist. Die Stimmung vor der Mugamma ist geladen wie seit Monaten nicht mehr, aber die Behörde hat dann doch geöffnet und ich bin nach vier Stunden tatsächlich mit allem durch. Auf dem Rückweg rufe ich auf der Nilprommenade ein Taxi, dass dann einen Mopedfahrer ohne Helm bei hoher Geschwindigkeit zum Stürzen bringt. Mit sehr viel Glück - hamdulilah - trägt dieser nur Schürfwunden davon.

Begegnung mit Antonioni in der Wüste

Posted on May. 14, 2011 at 12:00 AM

Mehrstündige Fahrt über Beni Suef den Nil hinauf und dann quer durch die Wüste Richtung Rotes Meer. Fünf Kilometer vor St. Antonius, einem der ältesten Klöster der Welt, platzt weitab jeder Zivilisation der rechte Vorderreifen. Auch der Ersatzreifen ist defekt und so ist das Kloster die einzige Hoffnung.

Der Abt, ein alter Mann mit Rauschebart, schickt mich in die Antoniusgrotte weit oben auf den Berg und lässt derweil den Ersatzreifen in der Wüstenklosterautowerkstatt flicken. In der Dämmerung fahre ich dann durch die biblische Landschaft Richtung Meer.

Die Stimmung im Koster lässt mich an die Schlusseinstellung von Michelangelo Antonionis The Passenger denken, so wie schon während der Fahrt die Industrieanlagen am Nil aussahen wie die in Red Desert - und eine Spur Zabriskie war naturgemäß auch dabei. Manchmal kommt es offensichtlich geballt.

Zeichen

Posted on Apr. 15, 2011 at 12:00 AM

Nach glimpflich verlaufenden Autounfall heute nachmittag in gefährlicher Situation auf der Ring Road erstmal Besuch beim Friseur zum Entspannen. Zurück in Wissa Wassef warten zwei Skorpione vor meiner Tür und die Frösche quaken in einem ohrenbetäubenden Konzert. Es wird Zeit, die Zelte langsam abzubrechen.

 

Discarnate Man

Posted on Apr. 15, 2011 at 12:00 AM

Letzte Woche Lecture Performance im Goethe-Institut und in Folge diesen Donnerstag DISCARNATE MAN, eine translokale Skypeperfromance mit Harald Kimmig und Jan Kurth.

Die Veranstaltung ging schon ziemlich an die Grenzen des Machbaren, zumal in Ägypten unter den gegebenen Umständen, bin danach völlig erledigt und von der Konkretion erschlagen.

Eine schöne Rezension von Marion Mangelsdorf entschädigt etwas für den Kraftakt:

  • Harald und ich erkältet, 3 Leute des Teams sagen am selben Tag kurzfristig ab
  • falsche Kameratechnik (zu lichtschwach)
  • der Fahrer des Eselskarren weigert sich kurz vor 19 Uhr plötzlich, in das vereinbarte Viertel zu fahren (sei zu gefährlich, wir hören seit längerer Zeit wieder Gewehrschüsse) - mein Student Ayman kann ihn schliesslich überreden und die beiden fahren los
  • der Eselskarren ist um 20 Uhr nicht an der vereinbarten Stelle, sondern irgendwo! Mithilfe eines Ladenbesitzers kann er schliesslich um 20:10 Uhr an den Treffpunkt gelotst werden, große Erleichterung. Ayman und der Fahrer hatten unterwegs Gras besorgt, zum einen für den Esel, zum anderen für die Auspolsterung der Ladefläche. Alle Kabel müssen entwirrt werden
  • das Bild der Skypeverbindung lässt sich nicht einstellen (hat sonst problemlos funktioniert) - wir installieren die Software neu, starten den Rechner neu, nehmen schliesslich Bernds Computer, dann funktioniert`s zum Glück. Zwischenzeitlich bildet sich eine große Menschentraube um uns
  • wegen der nicht funktionierenden Technik ist keine ordentliche Begrüßung bzw. Verabschiedung möglich
  • wir müssen auf halber Strecke umkehren (wegen Sicherheit), bleiben daher weitgehend im Dunkeln, schlechtes Videomaterial
  • die Frauen im Team werden begrabscht, eine kommt mitten in der Performance aufgelöst zu mir
  • Emat, der sonst sehr besonnene und coole Security der GUC, bittet mich nach 5min eindringlich, die Performance abzubrechen - die Situation gerate ausser Kontrolle - wir machen trotzdem weiter
  • Nach dem Ende sind wir umzingelt von aufgebrachten Jungendlichen, die aggresiv an Kabeln und Geräten zerren, weiterhin die Frauen belästigen, wir versuchen ins Auto zu kommen, was sich schwierig gestaltet. Dann langsam Abfahrt, heftige Schläge auf den Wagen, wir sind froh, heil wegzukommen

Dashour

Posted on Apr. 02, 2011 at 12:00 AM

Noch sind wenige Touristen in der Stadt, man kann auf Pyramiden klettern und alleine reingehen.

Befreiungsprozesse

Posted on Mar. 02, 2011 at 12:00 AM

Kurz nach Beginn der Ausgangssperre reißen mehrere hundert junge Menschen eine Wand an dem engen Zufahrtsweg meines Dörfchens Harrania ein - eine brachiale Aktion mit deutlich geladener Stimmung. Am darauffolgenden Abend räumt ein Bulldozer, wieder unter dem Schutz großer Teile der Bevölkerung, die Gesteinsbrocken weg, Sand wird angeliefert, die Dorfzufahrt um das dreifache erweitert. Die Stimmung ist nun viel besser und ich erfahre, dass mit dieser Aktion kurzerhand das Grundstück eines Spekulanten "verstaatlicht" wurde.

Die Menschen sind sichtbar stolz auf das Erreichte und es regt sich keinerlei Widerstand auf Seiten des Militärs. Es wird Geld gesammelt für einen Fußballplatz auf der freigewordenen Fläche, als Anwohner gebe ich aus Sympathie für die Aktion gerne etwas dazu. Falls Ende des Jahre mit den freien Wahlen die versprochene Zivilregierung ins Amt tritt, wird diese viel zu regeln haben.

Panzer

Posted on Feb. 20, 2011 at 12:00 AM

Gegenüber der GUC parken am Wüstenrand eine Reihe von Panzern, die sich aus der Stadt zurückgezogen haben, aber jederzeit schnell zurückkehren können.

Beginnende Demokratie

Posted on Feb. 19, 2011 at 12:00 AM

Nachtrag

Posted on Feb. 04, 2011 at 12:00 AM

Eine Meldung der Süddeutschen Zeitung von heute erklärt die gestrigen Beobachtungen am Flughafen in Kairo: "Überraschend untersagte der ägyptische Generalstaatsanwalt am Donnerstag ranghohen Vertretern der des Regimes Mubarak, unter ihnen auch Wirtschaftsleute und ehemaligen Ministern, die Ausreise"

LH 581 Cairo-Frankfurt

Posted on Feb. 03, 2011 at 12:00 AM

Beobachtungen bei der Ausreise aus Kairo. Kurz nach der Landung der Lufthansamaschine setzt sich ein Konvoi aus einer Limousine und zwei Transportern mit nervösen Begleitern in Gang. Offensichtlich muss ein sehr wichtiger Passagier und auch Fracht das Land auf einem Sonderweg verlassen. Auch das Abfertigungspersonal am Flugsteig war äusserst angespannt und bekam Order, dass von oben keinerlei Aufnahmen gemacht werden dürfen. Vor den Augen von drei Sicherheitsleuten musste ich unter Androhung einer Festsetzung alle meine Aufnahmen löschen - eine konnte ich unbemerkt behalten. Beim Einstieg schützen Bodyguards den oberen Teil der Boeing. Es ist bedenklich, dass die Lufthansa hier offensichtlich Fluchthilfe leistet.

On the way out of Egypt

Posted on Feb. 03, 2011 at 12:00 AM

Ich verlasse das Land mit sehr gemischten Gefühlen, lasse meine Nachbarn, meine Studenten, meinen Bäcker hier im Chaos. Aber es ist nicht mein Land und der Westen hat andere Interessen als Freiheit am Nil. Die treffendsten Kommentare liefern Westerwelle und und sein Kampfgefährte Žižek: "The Western liberal reaction to the uprisings in Egypt and Tunisia frequently shows hypocrisy and cynicism." In sich schon wieder zynisch. Aber kein Grund, nicht doch für die Kultur und die Kunst zu kämpfen, der Mensch lebt nicht vom Brot allein, das machen gerade die Tage hier in Kairo deutlich. Ich hoffe bald zurück zu sein und freue mich auf ein politisches Frühlingssemester mit meinen Studenten.

Am frühen Morgen nach der Sperrstunde Fahrt auf den Parkplatz der GUC, von dort geht es mit einem Fahrer weiter zum Flughafen.

Internet funktioniert wieder

Posted on Feb. 02, 2011 at 12:00 AM

Hier meine Notizen der vergangenen Tage aus einem persönlichen Ausnahmezustand in Kairo mit unglaublich dichten und menschlichen ausgesprochen positiven Erfahrungen. Leider spitzt sich die Lage nach der gestrigen Rede Mubaraks wieder zu, so dass im Land nun akute Bürgerkriegsgefahr herrscht. Viele Menschen sind durch das Chaos der letzten Woche mürbe geworden und wünschen sich eher einen gemässigten Diktator zurück, als den ungewissen Weg in die Freiheit zu wagen. Al Jazeera und in Gefolgschaft ein Großteil der westlichen Berichterstattung meldet, die Sympathisanten Mubaraks seien gekauft; selbstverständlich gibt es hier eine perfide Strategie der Machthaber, und das sind neben der ägyptischen Regierung und dem Militär im Hintergrund auch die USA und Israel, aber es gibt hier viele Menschen, die tatsächlich etwas zu verlieren haben - nicht nur große Reichtümer, sondern auch die trügerische Hoffnung, dass ihr Leben und das ihrer Familien auf kleiner, aber halbwegs gesicherter Flamme weitergeht. Wie sollen sie das Spiel auch durchschauen bei der verheerenden Bilanz des Machthabers einer Analphabetenrate von 30%, öffentliche Grundschulen mit Klassen von 80 Kindern etc. So entstand in seiner Amtszeit eine völlig chancenlose Generation der jetzt 15- bis 30-jährigen, das ist über die Hälfte der Bevölkerung; dagegen ist alle Korruption im Land und die Sicherung von persönlichen Privilegien noch das kleinste Übel. Trotz allem sind das Land und seine Menschen jetzt bereit und in der Lage, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Leider ist zu befürchten, dass es die internationale Politik nicht zulassen wird.

Bei Egyptair fallen reihenweise Flüge aus, da die Crews ihre Familien nicht im Stich lassen wollen und am Flughafen gar nicht erst auftauchen - und keiner weiß, wie sich die Lage bis Samstag entwickelt, für Freitag sind weitere Massendemonstrationen geplant. Ich habe daher für morgen einen Lufthansaflug nach Frankfurt gebucht - die Strecke wird jetzt mit einer Boeing 747 geflogen, um möglichst viele Leute aus dem Land zu holen.



Dienstag, 01.02.2011

Das Informationsrauschen der Liveberichterstatter ist seit dem Abflug aus München vor drei Tagen eher der Stille unter Wasser gewichen. Zugleich wird auch deutlich, wie wenig gute Berichterstattung aus solchen Situationen überhaupt möglich ist. Die Polizei scheint in Teilen der Stadt zurück zu sein, das bringt zunächst sogenannte Ruhe und Ordnung, die Grundvoraussetzung für eine halbwegs gesicherte Versorgungslage, mit Panzern kann man nur schwer Lebensmittelläden schützen. Auf dem Tahrirplatz ist circa eine Million Menschen friedlich zusammengekommen, die internationalen Topdiplomaten sind in der Stadt, Mubarak wird nicht mehr lange durchhalten.

Stereotyper Augenblick in Maadi am Dienstag

Montag, 31.01.2011

Nachts um eins Anruf von der Botschaft, ich sei auf der Entsandtenliste und könne morgen mit einer Lufthansamaschine ausgeflogen werden. Eine schwierige Entscheidung, aber samstags freiwillig in ein Kriesengebiet reisen und am Montag mit den Botschaftsangehörigen auf Staatskosten nach Hause fliegen geht wirklich nur im Notfall. Am Morgen Fahrt nach Maadi, die meinsten Geschäfte sind geschlossen, vor dem Bankautomaten der Piraeus Bank der geplünderten Grand Mall von stehen drei Soldaten mit MP und Bajonett und die Griechen sind in diesem Fall tatsächliches einzige zahlungsfähig. Endlich Bargeld, der Besitzer der Patisserie bietet mir einen Tee und Gebäck, drei Tage alt aber immer noch lecker, ich sitze auf einem Hocker im angenehm warmen Schatten und spreche mit Bernd. Dann Fahrt mit Magdalena über die Ring Road zur Uni, dort formale Plünderung eines Schnittplatzes und einer Kamera, vielleicht ja für eine zweite Gemeinschaftsproduktion nach Roundabout. An der Uni sind nur der Generalsekretär, der Arzt und die Leiterin der Personalabteilung zu sehen, letztere gerade auf dem Weg zum Flughafen. Dort herrschen nach allen Berichten völlig chaotische Zustände, die Zufahrt dauert viele Stunden, Ausländer und auch viele Ägypter wollen das Land verlassen, in einigen Fällen fliegen wohl nur die Koffer und die Leute bleiben hier. Für morgen ist ein Generalstreik im Land und eine Massendemonstration am Tahrirplatz angekündigt, gerüchteweise werden neben dem immer noch gesperrten Internet auch die Telefonnetze wieder ausgeschaltet. Die Ausgangssperre gilt heute ab 15 Uhr, der Benzintank sollte immer halbwegs voll sein, eine Tankstelle an der Schnellstrasse zur Stadtautobahn ist von Soldaten bewacht und liefert Sprit. Der Leiter der Truppe spricht etwas englisch und fragt wie üblich nach der Nationalität, dann bedankt er sich mit Handschlag, dass ich noch im Land bin und wünscht mit Nachdruck viel Glück. Das ist in einer Form anrührend aber nicht wirklich beruhigend. Am Abend ruft eine Mitarbeiterin des Auswärtigen Amtes aus Berlin an, es gäbe noch keine allgemeine Empfehlung, das Land zu verlassen, sie könne mir aber auf den nächsten Tag einen Flug nach Deutschland buchen. Kosten kann sie keine nennen und ich entscheide mich, bis Samstag zu bleiben. Um Harrania und das Wissa Wasser Center haben sich bewaffnete Bürgerwehren gebildet, ich laufe mit den Männern am Abend mit. Alles bleibt ruhig, bis auf die üblichen Gewehrschüsse, die der Abschreckung und Verständigung dienen.

Sonntag, 30.01.2011

Ab 16 Uhr gestern Abend herrscht Ausgangssperre, das Leben scheint zunächst normal weiterzugehen. In der Nacht bricht dann allerdings der akustische Wahnsinn aus, neben einer Hochzeit im Dorf mit lautem Arab Pop sind Panzer, das Wutgebrüll protestierender Menschen, Tränengasschüsse und immer wieder Machienengewehrsalven zu hören. Das geht so bis in den frühen Morgengrauen, die Tiere auf dem Gelände sind verstört und schreien unentwegt, dazu ebenfalls ohne Unterbrechung beschwichtigende Aufrufe von den Minaretten, zu Hause zu bleiben und Ruhe zu bewahren.

Am Morgen Fahrt mit dem Auto, der Tank ist fast leer. Auf den Strassen herrscht beängstigende Ruhe, ein großer Kontrast zur sonstigen Betriebsamkeit der Minibusse und Bauern, die ihre Ware mit Eseln in die Stadt karren. Das Licht und die Farben sind kräftig wie nie zuvor, die Pyramiden stehen unwirklich wie Kunstobjekte gestochen scharf und zum Greifen nah. Die Luft ist frühlingshaft frisch, nur die Tankstellen und Geschäfte in der Gegend sind geschlossen und aus Angst vor Plünderungen regelrecht verbarrikadiert, es sind keine Lebensmittel erhältlich. Auf der Fahrt über die Ring Road nach Maadi wird dann deutlich, was in der Nacht passiert war. Auf der Fahrbahn liegen Reihen von ausgebrannten Reifen, auch ausgebrannte Autos, große Steine und am Rand stehen Menschengruppen, zum Teil bewaffnet mit Bleirohren und anderem Schlaggerät. Das Benzin reicht glücklicherweise gerade bis zur Tankstelle, von der ein Kollege von seiner Wohnung aus beobachten konnte, das Sprit verkauft wird. Wäre ich auf der Strasse liegen geblieben, hätte man den unversicherten Wagen wohl abschreiben können. Ein Supermarkt hat geöffnet und die Menschen tätigen Hamsterkäufe, wie ich auch. Da die Geldautomaten und elektronischen Zahlungssysteme nicht funktionieren ist aufgeschmissen, wer kein Bargeld hat. Davon wurden in Feyerabends "Wider den Methodenzwang" noch 600 Pfund (ca. 60 Euro) eingelagert, das Buch ist in jeder Hinsicht eine rechte Freude. Der Stadtteil Maadi ist in fester Kontrolle des Militärs, an jeder Kreuzung stehen Panzer und Panzerwagen mit aufmontierten MPs, es gibt auch allerorts Bürgerwehren, die den Zugang zu ihren Distrikten selbst regeln. Dann die Fahrt nach Kattameia an die Uni, wo sich erneut ein surrealistisches Bild bietet. Die Eingänge werden von Sicherheitsleuten gesichert, die sich Küchenmesser auf Besenstile gebunden haben, was einen recht verzweifelten und auch komischen Eindruck macht. Die Gebäude selbst sind menschenleer, bis auf einen Kollegen, der sich noch ein paar Bücher holt und mit seiner Familie nach Deutschland fliegen möchte. "Von Ägypten die Nase voll, die Studenten liegen sowieso längst mit Cai Pirinhas in Abu Dhabi am Strand". Nachts hatte er wohl mit seiner Frau das Klavier vor die Tür geschoben, aus Angst vor Plünderern, fragende Blicke der Kinder. Wieder zurück in Harrania herrscht Unruhe und große Besorgnis im "Catteract Hotel", der Polizeiposten ist weg und es gibt kein Militär. Am Pool tummeln sich ein paar übrig gebliebene Japaner ohne großen Spaß, sonst ist die Anlage wie leergefegt. Der Manager hofft, dass vor Einbruch der Dunkelheit noch ein Panzerverband die Stadt erreicht und ein Exemplar für ihn übrig bleibt. Die Glasfassade hat er präventiv mit Baumwollbahnen verhängen lassen.

Gegen Mittag werden alle Amerikaner, Briten und Italiener aufgefordert, unverzüglich das Land zu verlassen, am Flughafen bricht Chaos aus. Der deutsche Evakuierungsbeauftragte Baumann sagt am Telefon, dass morgen drei Sondermaschinen für entsandte Familienangehörige fliegen werden, für die restlichen 3000 gibt es laut offizieller Aussage gegen 13 Uhr noch keine Empfehlung, das Land zu verlassen. Ich weiss auch nicht, ob ich wirklich weg will. In diesen Stunden klärt sich viel über das Land und ich verspüre nicht wirklich Angst. Für Samstag ist ein Flug nach Berlin gebucht, bis dahin kann man sich mit Bruckner, Spinoza und Spaghetti durchbringen. Kollegen sammeln sich und campieren in einer Wohnung in Maadi, ich sitze im Kreis der Vermieterfamilie um die alte Madame Sophie und entscheide, in der Eremitage zu bleiben. Das Internet funktioniert weiterhin nicht, aber die amerikanische Nachbarin hat nicht nur einen dreibeinigen Hund und eine Katze ohne Tatzen, sondern auch eine Satellitenschüssel auf dem Dach. Instinktsicheres Abfangen, als ich mit frisch gewaschenen Erdbeeren vom Straßenhändler in den Garten gehe und Bericht von Al Jazeera - nicht ohne den Hinweis, die Erdbeeren sähen wirklich delicious aus. Zum Beginn der Ausgangssperre um 16 Uhr dröhnen Tiefflieger über die Stadt und sausen dreimal mit Höllenlärm in die Luft, dann ist Ruhe. Jetzt soll der Mob eben kommen und meine Waschmaschine über den langen Feldweg schleppen.

Samstag, 29.01.201

Gespenstisches Ankommen mit zehnstündiger Verspätung in diesem von der Welt abgekoppelten Kairo ohne Internet und Mobiltelefone. Die Maschine war fast leer, der Steward verabschiedet die Fluggäste mit "Passen Sie auf sich auf" in die Translokation, dann lange Fahrt mit dem Taxi vom Flughafen diagonal durch die Stadt nach Gizeh - der Fahrer hatte die entscheidende Abfahrt verpasst. Gänzlich andere Stimmung als vor zwei Wochen bei der Abreise, der Frühling ist da, die Menschen sind sehr offen und gespannt, erstmals direkte Blick in wache Gesichter und Blicke zurück, Panzer und Soldaten mit aufgesteckten Bajonetten an allen wichtigen Strassenkreuzungen, die Menschen versammeln sich ringsum und fotografieren mit ihren Handys, tasten vorsichtig die Situation ab, können nicht richtig glauben, was da mit ihrer Stadt und in ihrem Leben gerade passiert. Auf der Nilinsel Manal regeln junge Menschen in zivil den Verkehr, die verhasste Polizei ist verschwunden, unglaublich, sonst standen die an jeder Strassenecke, auf der ganzen Fahrt kein einziger Polizisten. Im Zentrum von Gizeh wird es dann unangenehm, junge Männer jonglieren provozierend mit Klappmessern und tragen Mundschutz gegen Tränengas, mehrere ausgebrannte Polizeiautos und Autoreifen, Scherben, Steine und Trümmer auf der Strasse, geplünderte Läden aus denen es noch qualmt, dann ein Aufgebot an Panzern mit schwerem Geschütz. Einer steht etwas abseits und ist umringt von skandierenden Menschen, der junge Soldat oben feuert dreimal mit seiner Pistole in die Luft, alle schrecken zurück. Der Taxifahrer schüttelt mit dem Kopf und sagt wie auf der ganzen zweistündigen Fahrt immer nur "big, big problem". Im Autoradio laufen nationalistische Gesänge ("Masri, Masri" = Ägypten) und immer wieder fällt der Name Mubaraks. Auf die Frage nach dem Inhalt der Meldung gibt der Taxifahrer zu verstehen, dass dreißig Jahre einfach zu viel sind, um dann gleich über den zu gut ausgehandelten Fahrpreis zu lamentieren. Die Straße wird eng, Zivilisten signalisieren den Fahrzeugen, die Fenster hochzukurbeln, und wir fahren durch einen Korridor, links auf dem Mittelstreifen äusserst aufgebrachte Bevölkerung mit bemalten Pappschildern und Fäusten in der Luft, rechts fünf Panzer in Reihe mit einer Reihe schwer bewaffneter Soldaten davor. Es passiert zum Glück nichts, es fliegen keine Steine, aber ein ausgesprochen mulmiges Gefühl macht sich breit. Draussen in Harrania angekommen bekommt der Taxifahrer ein gutes Trinkgeld und es ist alles wie erwartet ruhig, geradezu paradiesisch mit einem warmen Frühlingswind am späten Nachmittag.

Auf dem Weg nach Kairo

Posted on Jan. 28, 2011 at 12:00 AM

Im Zug bei Stuttgart auf dem Weg nach Kairo verfolge ich Livebilder auf Al Jazeera von der blutigen Revolte in Ägypten. Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob ich fliegen soll. Die Situation ist sehr unsicher, das Internet landesweit lahmgelegt und die Strassenkämpfe in vollem Gange. Der alte Despot wird hoffentlich unblutig mit seinen Schergen abdanken - wenigstens das ist er seinem Volk schuldig, das er jahrzehntelang halbherzig regiert und mit einer neureichen Oberschicht ausgebeutet hat. Die hoffnungslose Generation der 15- bis 30-jährigen, die Kopten, die kleine bürgerliche Mittelschicht, sie alle haben die Nase voll und nicht viel zu verlieren. Die erstmalige Abschaltung des Internets eines ganzen Landes ist ein Zeichen der Panik und Verzweiflung auf Seiten der Machthaber, und der damit verbundene internationale Vertrauensverlust volkswirtschaftlich gar nicht zu bemessen. Nach 18 Monaten Beobachtung der Repression möchte ich jetzt sehen, wie sich der Deckel lüpft, deshalb fahre ich.

Vor zwei Monaten sind wir bei Dreharbeiten zu CairoRoundabout mit Sicherheitsbehörden in Zivil in Berührung gekommen. Innerhalb weniger Minuten waren Sie da, ausgesprochen unangenehme Typen, denen man nicht im Dunklen begegnen möchte. Die gesamte Gesellschaft ist mit Ihnen durchsetzt, so wie man das aus Ostdeutschland von der Stasi kannte.


CairoRoundabout

Posted on Jan. 23, 2011 at 12:00 AM

Ausstellungseröffnung des Projektes CairoRoundabout im Kulturwerk T66 in Freiburg.

Hier ein kurzes Video, das die dazugehörige Videoinstallation in der Ausstellung CROSS GAZE CAIRO zeigt:


Daschour

Posted on Dec. 04, 2010 at 12:00 AM

Liebenswerte und chancenlose Schlitzohren während der Dreharbeiten zu CairoRoundabout

Gizeh

Posted on Oct. 22, 2010 at 12:00 AM

Orientierung

Posted on Oct. 19, 2010 at 12:00 AM

Seit wenigen Monaten sind GPS-Geräte in Ägypten zugelassen, sie waren bislang aus militärischen Gründen verboten. Die Masse der einfachen Menschen kann sich solche Geräte natürlich weder leisten, noch kann sie diese gebrauchen. Man orientiert sich hier im Alltag ausschliesslich an Landmarken und Geschichten, die mit Orten verknüpft sind. Kaum jemand auf der Straße ist in der Lage, sich auch nur in die Abstraktion einer Papierkarte einzudenken.

Die völlige Antithese dazu stellen also diese US-Geräte dar, die die Welt nüchtern per Satellitenpeilung in diskrete Punkte und vektorisierte Wegstrecken zerlegen. Geschichten finden hier keine mehr statt, nur elektronische Repräsentation. Dennoch nützlich im feinadrigen Gewirr der Strassen hier, in dem ich niemand nach dem Weg fragen kann. Die Technologie ist faszinierend, aber auch ein trauriger Ersatz für die mangelnden Sprachkenntnisse.

Aida

Posted on Oct. 05, 2010 at 12:00 AM

Aufführung von Aida vor den Pyramiden mit ägyptischer Lightshow. Ein leider recht vergebliches Spektakel, die grandiosen Pyramiden werden fast gänzlich zum Verschwinden gebracht und wirken aufgrund der verfehlten Größenkonstanz (Palladio/Descartes) wie Bühnenbauten. Oscar Niemeyer bemerkte vor kurzem mit mittlerweile 103 Jahren:

"Die Pyramiden sind völlig sinnlos - aber schön. Wenn man nur die Funktion bedient, wird das Ergebnis eben Scheiße."

Dahschur

Posted on Oct. 01, 2010 at 12:00 AM

Ringroad

Posted on Sep. 28, 2010 at 12:00 AM

Sakkarah

Posted on Sep. 02, 2010 at 12:00 AM

Ankunft nach zwei Monaten Sommerfrische in Deutschland. Ohne Familie gestaltet sich die Sicht auf die Dinge neu, die ausgetretenen Expatwege sind bereits leicht überwachsen, was durchaus auch ein Verlust ist. Durch den Umzug nach Sakkarah gibt es viel zu tun und zu entdecken, es zeichnet sich ein ganz anderes Leben ab als im vergangenen Jahr in Maadi. Mit dem Spannungsstabilisator funktioniert jetzt auch die Waschmaschine und vor allem die Musikanlage, so dass ich dem Gebetsgeplärre und Grillengezirpe draussen etwas Dylan entgegensetzen kann. Lese gerade die Chronicles

How does it feel
To be on your own
With no direction home
Like a complete unknown

Der Ort hier draussen hält sein Versprechen, allein die Organisation des Haushalts und die Wege hierher und von hier weg sind abenteuerlich. Morgens erstmal zu Fuß über biblische Felder im Morgendunst, Blick auf die Pyramiden von Gizeh, vorbei an Hunde- und Schafkadavern, dann Klettern auf den Flyover der Ringroad, dort warten auf den Bus. Der Rückweg dann etappenweise im Microbus mit anschliessender Fährfahrt über den Müllkanal unter der Autobahnbrücke. Alleine nie zu finden, der Arbeitskollege Mustafa aus der Finanzabteilung lebt wenige Meilen down the road und sagt: "We are neighbours now. Come anytime to my house"

All the tired horses in the sun
How`m I supposed to get any ridin` done?
Hmm.

Auf Schritt und Tritt verfolgt einen hier die Endlichkeit der Dinge, aber auch deren Wiederkehr in der zyklischen Wiederholung. Ich verstehe die Faszination von Fortschritt und Technik, die eine Distanz zu diesen Themen herzustellen suchen. In der Nacht der Ankunft Nachricht vom Tod Christoph Schlingensiefs. Auch die Pyramiden sind Grabstätten, die Insekten leben und sterben unentwegt zu Hunderttausenden auf den Feldern vor meiner Wohnung und dann gibt es auch wirklich Schockierendes; es ist Ramadan, die Menschen essen und trinken während des Tages nichts und sind am Abend nervlich dünn. Vor Sonnenuntergang passieren dann im Strassenverkehr in der immer noch großen Hitze die schlimmen Unfälle. Gestern beim Ritt über die Ringroad sehe ich eine Spur von Tomaten auf der Fahrbahn, die zu einem leblosen Körper führt. Ein junger Mann, beim Überqueren der Autobahn von einem Fahrzeug erfasst, eben überrollt liegt er einsam da und alles rast im großen Bogen vorbei.

Because something is happening here
But you don`t know what it is.

Gehirnwäsche

Posted on Aug. 22, 2010 at 12:00 AM

Nach Wanderungen zum eiskalten Daubenhorngletscher in den Walliser Alpen Flug nach Kairo, Ankunft abends um halb zehn. Der Lada, einsam auf dem großen Uni-Parkplatz, ist nicht mehr SKYBLUE sondern Wüstenfarben, springt hamdullilah beim ersten Startversuch nach zwei Monaten an. Fahrt ins Carrefour für Pizza, USB-Modem und Wasser, ein Getümmel von Menschen unterwegs im Ramadanwahn. Ankunft um halb eins in Wissa Wassef. Alles liegt unter einer Staubschicht begraben, notbehelfmässiges Einrichten von Bett und Insektenschutz. Beim Öffnen der Wohnungstür am nächsten Morgen kommt ein Geko reingerannt und verschanzt sich gleich hinter dem Koffer. An Tag zwei fällt bei 40 Grad und 80% Luftfeuchte in der Wohnung das Wasser für drei Stunden aus, kann eben noch vor einem offiziellen Empfang der GUC duschen. Kakerlaken, Moskitos und Ameisen stört das wenig. Starke Stomschwankungen und gelegentliche Ausfälle sind an der Tagesordnung.

"So stellen sich die Deutschen das Paradies vor" lacht mein ägyptischer Arbeitskollege Dr. Ahmed.

Wissa Wassef

Posted on Jun. 16, 2010 at 12:00 AM

Umzug in das Wissa Wassef Art Center zwischen den Pyramiden von Gizeh und Sakkara, um der schleichenden Technisierung der Seele durch Feedbackschleifen in Google und Facebook entgegenzuwirken. Mäßiger Netzwerkempfang und regelmässige Stromausfälle werden durch drei Wasserbüffel und einem weissen Esel im Garten kompensiert.

Das Modellprojekt erlebte in den 1960er-Jahren seine Blütezeit, als es in Kairo noch avantgardistisch zuging. Rechts neben dem philosophischen Besuch aus Frankreich meine Vermieterin Sophie Habib Gorgi (Jahrgang 22), die heute noch sehr agil den Geist der Anlage verkörpert.

Das Areal ist mittlerweile eine koptische Kulturinsel inmitten des islamisierten Dorfes Harrania in Gizeh, das ringsum wuchert. Am Eingang zur Anlage gibt es einen blinden Pförtner mit Flinte, um die Parallelwelten auseinanderzuhalten.

Darb Al-Ahmar

Posted on Jun. 12, 2017 at 01:10 PM

Exkursion mit Studenten nach Darb Al-Ahmar in Old Cairo im Rahmen des Masterseminars Media Interventions

Inspektion

Posted on May. 04, 2010 at 12:00 AM

Inspektion nach 10.000 km in der Ladawerkstatt. Gebetspause zwischen der Nußbaum-Hebebühne aus Kehl und dem aufgebockten Niva.

»On the way out of Egypt, through Ethiopia«

Posted on Apr. 28, 2010 at 12:00 AM

Viertägige Reise ins äthiopische Hochland

Terminal 1

Posted on Apr. 17, 2010 at 12:00 AM

Umbau einer Ladenfläche am Terminal 1 des Flughafens. Direkt daneben die Flughafenklinik mit vergleichbarer Optik für die Gelbfiberimpfung.

Klausurtagung Tuttlingen

Posted on Apr. 16, 2010 at 12:00 AM

Ganztägige Klausurtagung per Skype mit 15 Kollegen ins kalte Tuttlingen. Die Verbindung von Orient und Schwarzwald-Baar-Heuberg als translokale Maximaldistanz.

Alexandria

Posted on Apr. 08, 2010 at 12:00 AM

Am Suezkanal

Posted on Mar. 29, 2010 at 12:00 AM

1859-69 wurde die 192km lange und 22m tiefe Fahrrinne von 20.000 ägyptischen Zwangsarbeitern gebaut. Heute werden 8% des Weltseehandelsvolumen durch diese Wasserstrasse transportiert, die Einnahmen für den ägyptischen Staat betragen 3 Mrd. US$ jährlich.

Am Nil

Posted on Mar. 21, 2010 at 12:00 AM

Heute am frühen Morgen.

Disorder

Posted on Mar. 19, 2010 at 12:00 AM

Überwachung

In "The Uses of Disorder" argumentiert Richard Sennett für die Qualität anarchischer Städte: "Overly controlled spaces don't allow people to grow into adulthood and are deadly dull."

In Kairo überlagern sich die die Strukturen aus Ordnung und Chaos gleich mehrfach. Wirklich unordentlich ist das hier nicht, staatliche Kontrolle, Religion und festgefügte Familienstrukturen machen den sozialen Raum übersichtlich eng und dicht. Gleichzeitig ist alles brüchig, Verlässlichkeit kostet Geld, kalkulierbare Lebensverhältnisse sind so teuer wie in Berlin. Wer aus dem Westen hier für eine Zeit lang lebt muss also abwägen zwischen korrekter Bioware und Improvisation. Anarchie in Form von Staub und Lärm sind in jedem Fall garantiert.

Altes jüdisches Gemäuer in Darb al Ahmar, aktuell Blechwerkstatt

Müll

Posted on Feb. 19, 2010 at 12:00 AM

Ein kleiner Ort südlich von Gizeh an einem Kanal. Angebissene Ratten wühlen in den Abfällen, jede Menge Zivilisationsmüll staut sich auf und mittendrin schwimmt ein toter Esel. Für Mitte Februar ist es mit 35ºC schon sehr warm und entsprechend fängt die Brühe an zu stinken.

Am Ufer spielen die Kinder und die Frauen schöpfen Wasser aus dem Kanal. Nach unseren Maßstäben unvorstellbare Bedingungen, die auch nicht ohne gesundheitliche Folgen bleiben.

Fayoum

Posted on Jan. 31, 2010 at 12:00 AM

Militärpräsenz

Posted on Jan. 28, 2010 at 12:00 AM

In Ägypten stehen an jeder Strassenecke Soldaten, um die staatliche Autorität sicht- und spürbar zu machen - wie hier an dem Platz vor unserem Haus. Seit 1967 herrscht fast ununterbrochen Kriegsrecht im Land, zuletzt verhängt wegen der Anschläge von Dahab im Jahr 2006. Die offizielle Laufzeit ist bis Juni 2010, aber die wird natürlich verlängert. Gründe werden sich finden.

Sakarra

Posted on Jan. 22, 2010 at 12:00 AM

Nur ein Steinwurf von den Pyramiden von Sakarra entfernt beginnen das Fruchtland und die Palmwälder.

Hausboot

Posted on Jan. 15, 2010 at 12:00 AM

Eine Kollegin geht zurück in die Schweiz und es gibt die Möglichkeit, die Wohnung auf ihrem Hausboot zu übernehmen. Alles etwas anders hier, aber der Fluß ist sehr meditativ und man kann mit dem hauseigenen Ruderboot unkompliziert auf die Nilinsel Zamalek übersetzen.

Der Nil hat zur Zeit Niedrigwasser daher hat das Boot ca. 4 Grad Schräglage. Im Februar wird in Assuan wieder geflutet.

Sama Khana

Posted on Jan. 10, 2010 at 12:00 AM

Beeidruckende Klosteranlage der Mewlana Derwische aus dem 15. Jahrhundert inmitten der Altstadt von Kairo. Neben dem Mausoleum befindet sich das Sama Khana (arabisch "das Hören"), eine Art Theaterraum, in dem die Derwische bis zur Auflösung des Ordens in den 1920er Jahren ihre sufistischen Tänze praktizierten.

Ende Januar können wir an diesem wirklich fantastischen Ort wahrscheinlich eine Woche lang arbeiten und dann die Bense-Performance und Medieninstallationen von Studenten aus diesem Semester präsentieren. Die Anlage mit den sehr schönen Gärten wäre auch der ideale Ort für die geplante Tagung zum Thema Körpergedächtnis im nächsten Jahr.

Gallerie des Sama Khana.

Pyramiden

Posted on Dec. 18, 2009 at 12:00 AM

»Welcome to the desert of the real«

Posted on Dec. 18, 2009 at 12:00 AM

Zwei Strassen hinter dem Haus endet unser Stadtviertel Maadi mit einer kleinen Güterbahnlinie, auf der gelegentlich rangiert wird.

Die Infrasounds lösen Erinnerungen an den Union Pacific aus San Francisco aus. Verwirrend wird es dann, wenn sich der Muezzin und das nervöse Hupen der Autos einmischen. Ganz ähnlich wird eine Fahrt durch grandiose Wüstenlandschaft in Begleitung von Pink Floyd zum disparaten Erlebnis, wenn plötzlich Beduinenzelte und Kamele auftauchen.

"Der glatte Raum (des Nomaden) wird unaufhörlich in einen gekerbten Raum (des Seßhaften) übertragen, überführt. Der gekerbte wird ständig umgekrempelt, in einen glatten Raum zurückverwandelt. Im einen Fall wird sogar die Wüste organisiert; im anderen gewinnt und wächst die Wüste. (...) Der glatte Raum ist eher eine haptische als eine optische Erfahrung."
Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus

Kairo lebt diese Spannung zwischen glatt und gekerbt auf vielen Ebenen; die stadtbildprägende Präsenz von Polizei und Armee, das amerikanisierte Leben der Oberschicht, der rasante Bau der Trabantenstädte sowie die Allgegenwart des Islam stehen gegen das anarchische Chaos des Alltags, die Armut der Elendsviertel, die Unplanbarkeit des Lebens im Ganzen und die Allgegenwärtigkeit der umgebenden Wüste. Diese durchdringt beständig den letzten geometrischen Winkel des Molochs in Form feinster Partikel, besonders während der heftigen Sandtürme. In diesem Spiel zwischen Affekt und Organisation sind Sonne und Nil die hybriden Dimensionen, glatt und und über Jahrtausende hinweg gekerbt zugleich.

Nur fünf Fahrminuten von der Uni sieht es am Nachmittag so aus. Im Anschluss an die Aufnahmen Vorlesung zum Thema "Perception of Colours" im luftgekühlten Simulacrum:

EGYPTLAND

Posted on Dec. 10, 2009 at 12:00 AM
“Arise, and take the young child and his mother, and flee into Egypt…!” (Matthew 2-13).

Tiepolo: Joseph packt den Esel mit Frau und Einzelkind.

Historisch bekannt ist aber auch das Problem, von dort wieder weg zukommen. Davon berichtet u.a. Louis Amstrong in dem Negro-Spiritual "Go Down Moses" - siehe dazu die aktuelle Ausstellung im Wallraf Museum in Köln. Unser Aufenthalt hier hat trotz aller Probleme glücklicherweise noch keine biblischen Ausmaße angenommen.

Dahab

Posted on Dec. 02, 2009 at 12:00 AM

Auf dem Sinai gibt es nur wenige Tankstellen, die weit auseinanderliegen. Als in der Wüste der Sprit ausgeht, liegt die nächste Zapfsäule zum Glück nur wenige Kilometer entfernt. Der Tankwart füllt 5l bleihaltiges Normalbenzin ab und übergibt den öligen Kanister mit der Bemerkung "Have fun!". Das war in diesem Moment unpassend, denn der Wagen schluckt bleifrei Super, sonst geht der Katalysator kaputt. "Have fun!" als ägyptisches "Bitteschön" ist besonders kennzeichnend für das Taucherparadies um Dahab, in dem sich seit 30 Jahren Hippie- und Beduinenkultur gut ergänzen.

Richtung Mosesberg

Der Plan war eigentlich in Israel zu tanken, aber schon der Grenzübergang sah so aus, als wären die Kampfhandlungen noch im Gange. Arabische Karossen kommen also nicht ins heilige Land, der Lada Niva ist ausserdem das Geländefahrzeug der ägyptischen Armee. Wäre der Wagen weiss, könnte vielleicht ein UN-Aufkleber helfen.

Opferfest

Posted on Nov. 26, 2009 at 12:00 AM

Im Morgengrauen werden zum islamischen Opferfest عيد الأضحى überall auf den Straßen Schafe und Rinder geschlachtet, die seit Tagen in Massen in die Stadt getrieben werden. Weil die heimische Produktion nicht nachkommt, werden viele Tiere aus China geliefert, um das biblische Ritual zu praktizieren.

Morgens um 5 Uhr in der Dämmerung legt sich ein unheimlicher Klangteppich über die Stadt, bevor das Gemetzel losgeht.

Al Darb al Ahmar

Posted on Nov. 24, 2009 at 12:00 AM

Trostloses Kindertreiben unter der Brücke einer Stadtautobahn. In Zusammenarbeit mit der Aga Khan Stiftung machen wir dort im nächsten Semester ein Seminar mit Studenten.

Gizeh

Posted on Nov. 21, 2009 at 12:00 AM

Besuch bei Bekannten, die in einer Lehmbausiedlung in dem beeindruckenden Wissa Wassef Art Center leben. Das ist eine Kooperative aus den 1950er Jahren, die arbeitsloser Landbevölkerung über Kunst und Handwerk Überlebensperspektiven eröffnet. Es werden unter anderem Naturpflanzenfarben selbst angebaut, Wolle damit gefärbt und in Webteppichen frei nach der jeweiligen Fantasie verarbeitet.

Das Projekt ist ein Beispiel dafür, wie modern Ägypten in dieser Zeit war und seit 30 Jahren wieder rückwärts schreitet. Heute wirkt es wie eine Insel inmitten wildwachsender Vorstädte, wird aber in dritter Generation erfolgreich weiter betrieben.

Baustahl

Posted on Nov. 20, 2009 at 12:00 AM

Allein die Autobahnen spiegeln in der ganzen Härte die Ungleichzeitigkeit und Zerissenheit der Gesellschaft wieder, wie hier vordergründig der Eseltransport mit Baustahl. Was in westlichen Kunstgalerien als pittoreskes Objekt daherkommt, ist hier Ausdruck eines harten Existenzkampfes in einem Land, in dem die Fleischpreise in den vergangenen 5 Monaten um 20% anstiegen.

Verheerend ist auch der Gebrauch dieser Verkehrsadern. Immer wieder springen Tagelöhner, einkaufende Frauen und Kinder zwischen tonnenschweren LKWs über die sechsspurige Straße, um auf die andere Seite zu gelangen. Die Technik hierfür erfordert eine Mischung aus Mut, Verzweiflung und Gottvertrauen. Man geht in gleichmässiger Geschwindigkeit, während die Autofahrer mit 100km/h auf Tuchfühlung vorne und hinten vorbei rasen. Würden einer von ihnen abbremsen, hätte das eine Massenkarambolage mit diversen Todesfällen zur Folge.

Fußballkrieg

Posted on Nov. 17, 2009 at 12:00 AM

Auf dem Weg vom Flughafen Fahrt vorbei am Stadion, in dem Ägypten gerade in der 94. Minute das entscheidende 2:0 gegen Algerien erzielt. Während Deutschland kollektiv um Enke trauert, schießen Leuchtraketen aus der Betonschüssel und Menschen strömen von überall her auf die Strassen und auf die Stadtautobahn, trommeln, tanzen, machen Freudenfeuer und sind völlig ausser sich. So feiern noch nicht mal die Italiener, wenn Sie zuhause Weltmeister werden. Bei diesem Spiel ging es vordergründig um eine Vorentscheidung für die WM-Qualifiktion 2010 in Südafrika, tatsächlich ist der langjährige und immer wieder blutige Konflikt dieser beiden Fußballteams Ausdruck einer postkolonialen nordafrikanisch-arabischen Identitätstragödie.

dpa: Ägyptische Hooligans griffen den Bus der algerischen Mannschaft in Kairo an. Dabei waren fünf Spieler verletzt worden, einer angeblich schwer. Nach Angaben algerischer Spieler ließen die ägyptischen Sicherheitskräfte vor Ort die Angreifer gewähren.Der algerische Außenminister Mourad Medelci rief Ägypten auf, 'die Sicherheit der algerischen Spieler und ihrer Anhänger zu garantieren'. Der ägyptische Botschafter wurde ins Außenministerium zitiert.

Auf dem Platz vor unserem Haus ging es noch recht zivilisiert zu, immerhin brannten keine algerischen Fahnen.

Das Entscheidungsspiel im Sudan gewinnt am Mittwoch dann Algerien, es kommt zu heftigen Krawallen und diplomatischen Verwicklungen und Ägypten ruft seinen Botschafter aus Algier ab. Besser Fußball als Krieg, aber die Beziehung zwischen beidem wird hier deutlich spürbar.

Field Trip Alexandria

Posted on Nov. 10, 2009 at 12:00 AM

In dem Seminar Cross Cultural Video lesen wir Texte zu Ikonoklasmen in der arabischen und westlichen Bildkultur. Parallel produzieren die Studenten Videodialoge mit einer Partnerklasse in New York. Auf einer Exkursion nach Alexandria ergibt sich dann fast wie geplant eine intensive Diskussion mit einer Gruppe von orthodoxen Muslimen über die Mohamedkarikaturen.

Nach wenigen Minuten wendet sich das gesamte Abteil der Diskussion zu, eine Studentin übersetzt. Das Gespräch verläuft nicht ohne Spannung, aber in gegenseitigem Respekt.

Eigentlich wollten wir zum Gastspiel der Dresdner Staatskappelle nach Alexandria fahren, die zeitgleich zum Prozessauftakt der ermordeten Ägypterin spielen sollte. Es waren Protestkundgebungen angekündigt und wir wollten die Stimmung einfangen. Das Konzert wurde aber nach Verhandlungen zwischen der Deutschen Botschaft und dem ägyptischen Innenministerium "aus Rücksicht auf die Gefühle der Familie des Opfers" abgesagt. Der tatsächliche Grund dürfte wohl darin liegen, das Bilder von brennenden deutsche Fahnen zu Reisestornierungen von deutscher Urlauber geführt hätten. Fast 25% des ägyptischen Bruttosozialproduktes hängen an der Tourismusindustrie.

taz von heute

Posted on Nov. 08, 2009 at 12:00 AM

"MOSKAU taz | Wer sich mit der Funktionsweise eines Motors oder Bremssystems vertraut machen möchte, dem sei der Kauf eines russischen Automobils ans Herz gelegt. Ein interessierter Laie ist bald in der Lage, die einfache Technik eigenhändig zu reparieren. Ein Auto der Marke Lada (Avtovaz) oder Wolga (Avtogaz) verlangt weniger spezifische Kenntnisse als vielmehr Zuwendung und reichlich Geduld. Sobald der Neuwagen ein Werk verlässt, beginnt für den Halter die eigentliche Arbeit. Jedes Auto muss vor Inbetriebnahme in seine Einzelteile zerlegt und wieder zusammengeschraubt werden, damit es auch verkehrstauglich ist."

Im Netz gibt es eine simple Anleitung, wie man den Benzingeruch wieder los wird.

Golf von Suez

Posted on Nov. 07, 2009 at 12:00 AM

Zwei Badetage am Golf von Suez mit Sicht auf Tanker und Containerschiffe, die Brennstoffe aus dem Mittleren Osten und Plastikspielzeug aus Fernost für das Weihnachtsfest nach Europa bringen. Wärmetransporte.

Unterwegs auf der Küstenstraße.

Ein Foto von Suez, das die Stadt gerade nicht beschreibt. Der endlose Hafen- und Industriegürtel ist an Trostlosigkeit kaum zu überbieten, elende Tagelöhner am Straßenrand, die in Fabriken mit gelb qualmenden Schloten einen Job suchen. Die Luft stinkt apokalyptisch nach Schwefel, verbrannten Autoreifen, Schlick und Fisch. Die wirklich schlimmen Sachen kann man wahrscheinlich gar nicht riechen.

Nilaufwärts

Posted on Oct. 31, 2009 at 12:00 AM

Ausflug 100km nilaufwärts Richtung Süden, Fahrt durch Dörfer und Plantagen. Wolkenbruchartige Regenfälle überschwemmen einzelne Landstriche, weil keinerlei Kanalisation das Wasser auffängt. Die Menschen auf dem Land führen ein hartes Leben, sind aber mit Ausnahme eines Kaffeehausbesitzers mit Vollbart und Bild von Saddam Hussein an der Wand alle sehr nett und gastfreundlich.

Fahrkomfort des Russenjeeps und des Kamels sind vergleichbar

Bei diesem Zugunglück kamen vor zwei Wochen 34 Menschen ums Leben. Der Verkehrsminister musste daraufhin zurücktreten, aber sicher aus anderen Gründen, als öffentlich verlautbart wurden.

Mit raffinierten Steckverbindungen aus Palmwedeln produziert dieser Handwerker Hühnerställe und Sitzmöbel.

Ziegelei am Wüstenrand, im Vordergrund Gräber.

Media

Posted on Oct. 30, 2009 at 12:00 AM

Die Studentinnen sind an der Fakultät nicht nur deutlich in der Mehrzahl, sondern erstaunlich aufgeschlossener für Technologie und Medienprogrammierung als ihre männlichen Kollegen - ganz im Gegensatz zu Beobachtungen in Deutschland. Einige haben gerade einen Workshop abgeschlossen und Präsentieren am Abend selbstbewusst Ihre Ergebnisse in einem Zelt auf dem Dach eines 18-stöckigen Gebäudes in Downtown.

Sie löten selbstgebastelte Lagesensoren auf Motorradhelme und steuern über Ihre Kopfbewegungen die Abspielgeschwindgkeit von Videoprojektionen bzw. produzieren Sound - mit und ohne Kopftuch.

Regen

Posted on Oct. 27, 2009 at 12:00 AM

Heute hat es hier zum ersten mal für fünf Minuten geregnet, zuvor wurde es richtig dunkel mit Blitz und Donner, fast so unwirklich wie bei einer Sonnenfinsterniss. So verschieben sich die Relationen. Sonst jetzt angenehme 25 Grad täglich, was wohl bis Weihnachten so bleiben soll.

Die Fahrweise der Ägypter ist zu Beginn eine Nervenprobe, zumal das Auto nicht versichert ist. Haftpflichtversicherung gibt es hier nicht und Kasko lohnt sich nicht, weil die Kosten zum Ausbessern der Blechbeulen sehr niedrig sind. Es gibt hier kaum ein Gefährt ohne Dellen und so kursiert die Empfehlung, die Kühlerhaube eines Neuwagens mit einem Vorschlaghammer selber zu demolieren, damit es sich entspannter fährt.

Lada da

Posted on Oct. 26, 2009 at 12:00 AM

Wüstentauglich mit Allradantrieb. Allerdings ist schon jetzt die Bezinleitung im Innenraum defekt, die Fenterheber klemmen und die Zentralverriegelung hakt. Hoffentlich geht das nicht so weiter. Es ist eben doch besser, wenn Autos in Serie und nicht als Unikate gefertigt werden, siehe Mail von Lada Egypt:

because Niva now is produced rarely this days , for your information , the director of the factory made the workers produce for you specially , because we confrimed for him , that you are serious in buying it . iam sure the color will be nice , ihave good idea for , if you want to have alook , you may go tommorow by your self , if the color is good for you call me iwill come to finish with the procedure of buying , because isaid to them iwant the discount for me because iknow you , and they did not talk english so good , ihope the idea is good .

Die Zulassung war ein Abenteuer, sechs Stunden Behördenmarathon mit abgrundtiefen Einblicken in einen sich selbst verwaltenden pharaonischen Verwaltungsaparat. Am Ende gibt es dann einen Stapel Papiere mit bunten Gebührenmarken und die Kennzeichen.

Quittung über die Anzahlung.

Falukka

Posted on Oct. 23, 2009 at 12:00 AM

Für wenig Geld kann man eine Stunde lang auf dem Nil eine eigene Falukka mieten und lossegeln. Kurz nach dem Ablegen versinkt die Stadt in ein entferntes Rauschen und man hört nur noch Wind und Wasser.

U20 Weltmeisterschaft

Posted on Oct. 10, 2009 at 12:00 AM

Deutschland - Brasilien im Viertelfinale der U20 Weltmeisterschaft in Kairo, mit Horst Hrubesch und Hymnen vom Band. In der Pause versammeln sich die muslimischen Zuschauer auf einem großen grünen Gebetsteppich. Hätten wir vielleicht auch tun sollen, die Deutschen verlieren nämlich 1:2.

Von den Zuschauern kommt ein ganzer Abschnitt in kräftig bunten Farben. Als in diesem Block so gar keine Stimmung aufkommt und jede Laola augenblicklich darin verebbt wird schnell klar, dass es sich hier nicht um brasilianische Fans, sondern um zwangsrekrutierte Armeeangehörige im Jogginganzug handelt.

dis-oriental

Posted on Oct. 09, 2009 at 12:00 AM

Nach sieben Jahren Schwarzwald ist es ein ziemlicher Schritt nach Kairo, die Idylle hat das in irgendeiner Weise nötig gemacht. Trotz aller Widrigkeiten nicht bereut.

Tolle Terrasse, 30m lang aber nur 1m breit

An der Uni ergeben sich Perspektiven, nachdem das Anfangschaos einigermassen überwunden ist. Leitung des Departments, 2011 ist eine Tagung mit Medienfachleuten, Tänzern und Philosophen zu Interkulturellen Formen medialer Körpergedächtnisse geplant.

Otto steht samstags im Tor seines Teams Chicago Fire im American College.

Albtraum

Posted on Oct. 08, 2009 at 12:00 AM

Die erste Vorlesungswoche beginnt am Sonntagabend mit einem albtraumartigen Schock. Auf einer kurzen Stichstrasse attackiert ein Street Dog aus dem Nichts heraus Flocke und verbeisst sich in Rücken und Bauch.

Durch eine Not-OP in einer wohnzimmerartigen Praxis kann unser Hundchen mit "Gottes Hilfe" - wie der Veterinär El Zorba betont - gerettet werden. Die Bauchdecke war an 10 Stellen wie ein Sieb durchlöchert und auch die Leber musste eine Stunde lang zusammengeflickt werden. Anschliessend wurde Flocke mit einer kochend heissen Wasserflasche am Rücken und einem auf Vollgas gedrehten heissen Föhn traktiert, um wieder ins Diesseits zurückzukommen.

Drei Tage lang banges Observieren und mit dem Schlimmsten rechnen, jetzt kommen die Lebensgeister wieder und er scheint über dem Berg zu sein, falls nicht noch eine späte Infektion dazwischenkommt.

Tag 2 nach der OP

Perspektiven

Posted on Oct. 09, 2009 at 12:00 AM

Bestellung eines Lada Niva in Heliopolis. Die Teile werden aus Rußland geliefert und in Alexandria montiert. Der Wagen gilt gemeinhin als unzerstörbar, bei den Straßen hier ist das auch nötig. Zur Zeit ist nur SKY BLUE lieferbar.

Nicht nur die Automarke und das Autohaus, sondern auch Teile der Stadt erinnern stark an Sofia oder Bukarest der 1980er. An anderen Ecken sieht es aus wie in Indien.

Heliopolis

Eine Woche Sinai

Posted on Sep. 26, 2009 at 12:00 AM

Blick

Posted on Sep. 14, 2009 at 12:00 AM

Der Umzug hierher bringt einen anderen Stoffwechsel mit sich. Essen, Sprache, Licht und Geräusche, die Temperatur und das viele Trinken, nicht zuletzt Nilwasser aus der Dusche bauen den Körper um und passen ihn der neuen Umgebung an. Das Gehirn als Beziehungsorgan (Thomas Fuchs) richtet sich neu aus, es bildet sich ein anderer Kontakt zur Welt und vielleicht ein paralleles Bewusstseinssystem, das anders empfindet und zu neuen Gedanken führt.

Einige von denen die hier neu ankommen und für länger hier sind berichten, dass sie nach einiger Zeit am Nachmittag in einen plötzlichen Tiefschlaf versinken und intensiv träumen. Was sich als Erschöpfung äussert ist ein intensiver Anpassungsprozeß des gesamten Organismus an die neue Umwelt.

Blick aus meinem Büro, hinter der Uni kommt die Wüste.

"Am Anfang war dort, wo heute unser Viertel steht, leere Ödnis, die zu der bis zum Horizont reichenden Wüste des Mukkatam gehörte. Nichts gab es dort, nur das grosse Haus, das Gabalwi erbaut hatte. Eine hohe Mauer umgab das weitläufige Gelände, dessen westlicher Teil aus einem Garten bestand und in dessen östlichem Teil das dreistöckige Haus hoch aufragte."
aus Nagib Mahfuz, Die Kinder unseres Viertels

Ganz so lyrisch ist es an der GUC nicht, Klimaanlagen und Schäferhunde am Eingang sorgen für eine andere Stimmung.

Morgens dreiminütiger Weg zum Bus, überall dösen Wärter und brummeln Suren. Sonst hat das Land keine Buchkultur mit Ausnahme einer kleinen Bildungsschicht, die noch gefunden werden muss.

Wasser

Posted on Sep. 13, 2009 at 12:00 AM

Wir bekommen eine gebrauchte Klimaanlage, dafür gibts seit zwei Stunden kein Wasser. Hanefi (s.u.) schleppt gerade einen riesigen Behälter aufs Dach. Nach knapp drei Wochen in der Stadt ist immer noch nicht so richtig vorstellbar, wie die zwei Jahre hier werden. Nicht nur fern der Heimat, sondern auch weg von vielen der gewohnten Themen. Wird wohl ein paar Monate dauern, bis sich erste Wurzeln bilden.

Gestern ein chinesisches Fahrrad gekauft. Der Monteur hat eine Stunde lang Licht und einen neuen Sattel montiert, alles in allem 60 Euro. Der Stahlesel ist schwer und wäre in Deutschland kaum vermarktbar, schon nach der ersten Fahrt heftige Schleifgeraeusche. Mehr als Kurzstrecken sind damit nicht geplant, alles andere wäre auch lebensgefährlich.

Alle Schulen und Universitäten müssen jetzt wegen Schweinegrippe schliessen und dürfen laut Beschluss des Staatspräsidenten erst zum 4. Oktober loslegen.

Eingerichtet

Posted on Sep. 11, 2009 at 12:00 AM

Bis auf die Klimaanlagen, die viel zu preiswerten Strom in niederfrequente Schwingungen umwandeln, sind wir jetzt nach einer Woche in der neuen Wohnung ganz gut eingerichtet.

Hanefi legt Telefon

Posted on Sep. 10, 2009 at 12:00 AM

Unser Hausmeister Hanefi hat das Telefon gelegt. Die Flachdaecher sehen aus wie Schaltzentralen von Geheimdiensten (s.u.), hier kommen alle Leitungen an, werden die Fassade runtergeworfen und durch Fenster und Tueren in die Wohnungen gelegt. Interessant ist auch die Flechttechnik, um zwei Kabel zu verbinden - haelt ewig, weil es nie regnet.

Sind jetzt im Festnetz unter +20 22 3781083 erreichbar.

Hanefi mit Kabel im Hintergrund

Digital Divide

Posted on Sep. 08, 2009 at 12:00 AM

Fächendeckend gibt es über große Areale von Kairo bis zum Rand der Wüste via UMTS einen verhältnismässig günstigen und schnellen Internetzugang. Gleichzeitig sind Kinderarbeit und Analphabetismus die größten Probleme des Landes.

Knapp 30% der Bevölkerung über 15 Jahre koennen weder lesen noch schreiben.

Fastenbrechen

Posted on Sep. 06, 2009 at 12:00 AM

Blick aus dem Fenster. Zur Zeit ist Ramadan und jeden Abend bei Sonnenuntergang gegen 18:15 Uhr wird die Stadt für ihre Verhältnisse paradiesisch ruhig und verwandelt sich in eine magische Klanglandschaft. Die Muezzine مؤذن verkünden über 30.000 Moscheen das Fastenbrechen, überall versammeln sich die Menschen und essen zusammen auf Decken und an improvisierten Tischen im Abendlicht. Die Dämmerung dauert gerade mal eine halbe Stunde, dann ist es dunkel.

Dienstag geht die Schule los, jetzt also doch schneller als erwartet. Kampf mit Fussball gegen die Langeweile wie hier auf dem Platz vor unserem Haus. Das Bild könnte von aussen gesehen an Amerika erinnern, fühlt sich in Wirklichkeit aber konträr an - die Luft, die Gerüche und vor allem die Geräusche. Amerika ist hier maximal weit weg, siehe Baudrillards Vergleich zwischen dem Death Valley und der Sahara.

Erster Tag in Maadi, Road 17

Posted on Sep. 05, 2009 at 12:00 AM

Umzug tatsächlich nach einer Woche Verspätung aus dem Zoll befreit und auf einem Pick-Up Truck nachts um 22 Uhr angeliefert. Der Lift war ausgerechnet an diesem Tag kaputt, so dass die 315 Kilo bei immer noch 25°C in den 6. Stock hochgeschleppt werden mussten.

Jetzt fehlt nur noch die jordanische Waschmaschine, ein Esstisch und was zum Sitzen. Es wird langsam überschaubar.

Transportkiste der Gitarren umgebaut zum Mehrzwecktisch - Frühstück und Tipp Kick

Die Möbel stammen aus dem Alexandria der späten 1940er und frühen 50er Jahre, als viele Europäer nach Ägypten kamen. Der Schreibtisch, zwei Stühle, das Schränkchen und ein Marelli-Ventilator kosten deutlich weniger als bei Ikea - das es hier aber nicht gibt, weil das Land aufgrund der hohen Importzölle noch nicht von der Globalisierungswelle überollt wurde.

Gästewohnung der German University

Posted on Sep. 01, 2009 at 12:00 AM

Ankunft

Posted on Aug. 30, 2009 at 12:00 AM

Sind seit einer Woche am organisieren und manchmal am verzweifeln. Wie kauft man Matrazen im Orient, wenn der Verkäufer kein Wort englisch spricht und diese auch noch irgendwo hinliefern soll, er aber nicht lesen kann? Während des Ramadans sollte man nach 15 Uhr auch keinen Kühlschrank, keine Waschmaschine und keinen Staubsauger kaufen, weil der Verkäufer seit Stunden weder gegessen noch getrunken hat und entsprechend schwer genervt ist, den Bestellzettel mehrfach falsch ausfüllt, man aber sofort bar mit einem dicken Bündel Scheine zahlen muss.

Die Schule beginnt einfach mal vier Wochen später als geplant aufgrund einer Schweinegrippehysterie des Ministeriums. Die Arbeit an der Uni beginnt Dienstag ohne Schweinegrippe mit Stechkarte, morgen holen wir unser Hab und Gut am Flughafen mit einer Art motorisierter Eselskarre ab - hoffentlich ohne große Komplikationen, vor allem wegen Zoll. Der kostet nämlich ordentlich, ein Kilo Buch wird mit 50 Pfund Neupreis, d.h. ~4 Euro veranschlagt, darauf dann 18% Einfuhrgebühren. Die Nachricht von Egypt Air Cargo macht Mut (Mahmud):

"RECEIVED FROM FLIGHT GF079 ON 30 AUGUST TIME 08:11 AT CAIRO, EGYPT 2 PIECES AT 315 KILOS - you can come today or tomorrow awbh ok in cai ahmeh hassanien FOR MR ADEL GM IMP"

Die Fremde gibt es nicht umsonst.

Beim Straßenfußball im Tor - auch mal mit Suppenküche als Abwehr.

Sondierung

Posted on Jun. 09, 2017 at 01:09 PM

Reise nach Kairo, um Wohnung und Schule zu organisieren. Zeitgleich mit Obama in der Stadt, seine Rede an der Cairo University wird in jedem Strassencafe übertragen und diskutiert.



San Francisco 2007 | Kairo 2009-11 | Bangalore 2012