fogpatch // seismic body signals

July 10-20, 2008 Rotterdam


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"To be is to be the value of a variable."

Willard Van Orman Quine, 1939

fogpatch is a creative research project? at Furtwangen University about postmedial realities. It is reconstructing a traumatic body experience of the German cybernetician Max Bense? described in the text Existenzmitteilung aus San Franzisko? published in 1970. The installation seismic body signals as part of the fogpatch research is dealing with the impact of infrasounds on the body of Bense. Seismic signals and recordings from the Golden Gate Bridge are interfering with the thoughts of a cartesian philosopher, who worked in depth on the intersection of art and technology.

By Daniel Fetzner, Katja Wahl, Anja Hofele, Myriam Traub and Thomas Kusch

"A parabola! A trap! You were never immune over there from the simple-minded German symphonic arc, tonic to dominant, back again to tonic."

Thomas Pynchon, Gravity`s Rainbow 1973

STORY

Der Kybernetiker Max Bense? (1910-1990) war ein leidenschaftlicher Vertreter der klassischen Moderne. Seine Philosophie ist ein Versuch der Synthese von Kunst und Technik, gleichzeitig ein Beitrag zu unserer regelkreisgesteuerten Welt? des Pervasive Computing.

Im August 1969 erlebt der Denker den Einbruch des Irrationalen. Während eines viertägigen Aufenthalts in San Francisco verpasst der knapp 60-jährige den Bus in Sausalito. Bense geht zu Fuß über die Golden Gate Bridge zurück in die Stadt und unterschätzt die Dimension. Bei den 2875 diskreten Einzelschritten kommt dem Physiker ein hochkomplexes Partikelsystem in die Quere. Das Hereinbrechen einer Nebelwand vom Pazifik lässt die Temperatur augenblicklich um 15° C sinken, der Fog verschluckt die Parabel der Hängebrücke und verschlägt dem Wort- und Gestengenerator die Sprache. Der Schock löst bei Bense in der darauf folgenden Nacht eine Nierenkolik mit Todesangst aus. Erste Artikulationsversuche und eine Verarbeitung des Erlebnisses findet sich in dem Text Existenzmitteilung aus San Franzisko?.

Der hier ersehnte Körperzustand ist vollkommen denerviert. Zeitgleich zu Jimmy Hendrix` Feedback-Orgie in Woodstock möchte Bense auf der schwingenden Brücke "nur noch wie Haar sein, fest und fein, sensibel, wortlos und schmerzlos" – eine Rückkopplung ganz ohne Körper. Durch den Schmerz geraten Raum und Ich* seiner Technischen Existenz* aus dem Gleichgewicht.

 * Buchtitel von Max Bense aus dem Jahr 1934 und 1951

Max Bense auf der Golden Gate Bridge, August 1970

RESEARCH

"Der Weg, den ein Partikel nimmt, ist einfach nur ein probabilistischer Durchschnitt (aller) möglichen Wege. Das Feyman-Weg-Integral berechnet alle möglichen Wege."
Peter Weibel über interaktives Storytelling, Time Slot 2006

Die Installation seismic body signals ist eingebettet in das übergeordnete Konzept von fogpatch. Sie stellt Fragen nach dem Zufall und der Wahrscheinlichkeit existenzieller Wegentscheidungen, ohne diese mathematisch beantworten zu wollen; Benses Existenzmitteilung fragt seismologisch nach dem nächsten Big Bang, metereologisch nach der Wahrscheinlichkeit einer Nebelbildung, somatisch nach der nächsten Kolik und situativ nach dem nächsten Bus.

"To be is to be the value of a variable"
Willard Van Orman Quine, 1939

Der kybernetische Kapitalismus? in Form von Google et al. möchte den Zufall mithilfe moderner Computertechnologie kontrollieren und betreibt ein umfangreiches Projekt simulativer Modellisierungen. Menschen werden zum Partikel im emergenten Schwarm und takten in flüssiger Zirkulation just in time, personalisiert und on demand. Kybernetische Regelkreisutopien der 1950er Jahre stehen wieder hoch im Kurs, ganz im Sinne der Wienerschen Versprechung nach "control and communication in the animal and the machine".

Simulation des Ökosystems mit dem Bay Model der US Army aus den 1950er Jahren in Sausalito, dem Ausgangspunkt der Existenzmitteilung

INFRASOUNDS

UBIQUE MEDIA DAEMON wallowing in my organs, my kidneys, rushing the signal through the system,
nothing can block the electrical impulse, maybe it's horror, anger and fear.
Einstürzende Neubauten

Die Installation von seismic body signals konzentriert sich auf die Beschreibung von Infraschall im Kontext des Existenzmitteilung von Max Bense. Auf der Golden Gate Bridge gibt es eine extrem hohe Dichte solcher Schallwellen, wie an kaum einem anderen Ort der Erde. Die bei Menschen und Tieren angstauslösenden Frequenzen haben an der exponierten Stelle der Brücke verschiedene Ursachen.

Die San-Andreas-Verwerfung ist eine Transformstörung, an der die Pazifische Platte an der Nordamerikanischen Platte nahe der Golden Gate Bridge vorbei driftet. Die Reibung der Platten produziert seismische Wellen und Infraschall im nicht hörbaren Bereich zwischen 2 und 15hz. Zudem brinkt der meist sehr starke Wind die vertikalen Brückenseile mit einer Länge von bis zu 160m wie eine Aeolsharfe zum Schwingen, was über eine Slitscanaufnahme grafisch sichtbar wird.

Vertikaler Slit Scan der Hängeseile. In y-Richtung der Matrix wird die Zeit aufgetragen, in x-Richtung der Raum

Die beiden 230m hohen und innen hohlen Stahlpylone der Brücke wirken wie Resonanzkörper eines gigantischen Saiteninstruments. Der starke Verkehr über die Golden Gate Bridge überträgt zudem kinetische Energie auf die Konstruktion und fördert dadurch das Aufkommen von eigenfrequenten Schwingungen. Eine weitere Quelle für Infraschall sind die Meereswellen vom Pazifik. Besucher der Brücke berichten in Interviews über Ihr Körpergefühl.

Infrasoundaufnahmen an der Golden Gate Bridge mit selbstgebauten Mikrofon, Mai 2008

INSTALLATION

"Wir sind Figuren aus Licht und Wasser, einer Reihe von Säuren und ein paar Mineralien, und äußern uns in Wellen. Alle unsere Körperzellen nehmen ständig nicht nur Nahrung, sondern Licht und Wellen auf, mediale Reize und Reize aus der Luft, darunter eine ungeheure Menge an Reizen, die von anderen Körpern, von anderen Personen ausgehen. Nur für die gröbsten dieser Reize haben wir ein bewusst ausgearbeitetes Sensorium."
Klaus Theweleit, Übertragung, Gegenübertragung, Dritter Körper, 2006

In der Sound- und Videocollage seismic body signals werden tieffrequente Schwingungen per Livesignal aus einer Erdbebenmesstation in Kalifornien übertragen und steuern den Ablauf der einzelnen Sessions von jeweils 23 Minuten - die Dauer, um die 2,7 km lange Brücke zu Fuß zu überqueren. Die dabei benötigten 3000 diskreten Schritte sind Taktgeber der Installation (2,17/sec).

Im Laufe eines Brückengangs von 23 min wird die Brückenparabel mit den seismischen Störungen von links nach rechts notiert

In einem Laboraufbau wird eine mit Flüssigkeit gefüllte Petrischale mit den Infraschallaufnahmen des Brückenkörpers in Schwingung versetzt, die dabei entstehenden Muster und Partikelbewegungen mit einer Kamera abgefilmt und neben Videoaufnahmen der Golden Gate Bridge projiziert. Am Boden der Petrischale bilden sich labile Wellenmuster, die den Formationen auf dem Meeresgrund der Bay sehr ähnlich sind. Die Laborästhetik der Installation erinnert an den Versuch der Kybernetik, über das Prinzip der Rückkopplung die Kontrolle über die Welt und das Bewusstsein erlangen zu wollen.

Bei stärkeren Signalmeldungen aus Kalifornien werden mit einem Spezialmikrofon angefertigte Infasoundaufnahmen von den Brückenseilen und Pylonen der Golden Gate Bridge eingespielt. Bei Nebelbildung ist das foghorn zu hören.

Infrasounds aus der Bay sind Auslöser der Kolik, eine schmerzhafte Krümmung des Körpers und Wortaphasien sind die Folge. In den seismischen Ruhephasen kommt es zu einem gleichförmigen Lauf- und Denkrhythmus, ein Nadeldrucker gibt stochastische Dekonstruktionen der Existenzmitteilung? aus. Durch den Signalfluss entsteht eine musikalische Feedbackschleife einer in sich geschlossenen Gedankenwelt, die durch äussere Einflüsse in Schwingung versetzt wird.

EXHIBITION

in the former Nederlands Fotomuseum, Rotterdam

Opening July 10

Jury Feedback about the methodology of seismic body singals as creative research

"For us fogpatch shows an alternative method that is worth to consider for us in the future: instead of narrowing down from a general theme, you deepened and broadened from a relatively small incident. Another difference compared to out approach is that you don't seem to explicitly state or ask something. A positive effect is that this leaves space for personal interpretation. Another effect, however, is that it won't have a guaranteed impact. We appreciate the design of the whole installation, and the time and effort you put into this. Moreover we like the real-time communication with California. This work is clearly ready for exhibition."

NEXT STEPS

"Der große Einkreiser will stabile Kreisläufe, gleichmässige Zyklen, vorhersehbare Wiederholungen und eine ungestörte Buchführung. Er will jeden Partialtrieb eliminieren, er will den Körper immobilisieren."
Jean-Francois Lyotard über die Kybernetik in Économie libidinale, 1974

seismic body signals soll Ende 2008 als Performance mit einem kybernetischen Objekt ausgestellt und aufgeführt werden. Zum 100. Geburtstag von Max Bense im Jahr 2010 ist eine Ausstellung in Stuttgart und San Francisco geplant.

Bei dem in Zusammenarbeit mit dem Technologiepartner FESTO entwickelten kybernetischen Objekt handelt es sich um eine Synthese aus der Spannkonstruktion der Golden Gate Bridge und der gefühlten Körperspannung von Max Bense im Schmerz der Kolik. Es ist ein somatisches Gebilde, ein Hybridkörper aus Verspannungen und Krümmungen, der wie das Brückenbauwerk dem informationsästhetischen Idealmaß entspricht. Das Objekt ist als Tensegrity mit Druck- und Zugelementen ausgeführt. Diese klassisch-moderne Konstruktionsform geht zurück auf Buckminster Fuller und ist für statische Belastungsverhältnisse optimiert. Der Hybridkörper von fogpatch hingegen wird über pneumatische Muskeln zu einem regelkreisgesteuerten dynamischen Objekt, das sich kolikartig kontrahieren kann.

Erster Prototyp des Hybridkörpers als kybernetisches Objekt, Januar 2008

In einer Performance mit Georg Hobmeier verschwinden die Grenzen zwischen Objekt, Prozeß und Struktur. Zufällige seismische Signale aus der Bay Area beeinflussen zeitgleich die pneumatischen Muskeln des kybernetischen Objekts wie auch Muskelpartien des Tänzers in Form von Stromstößen.

Benses Körpergedächtnis wird über das traumatische Schmerzerlebnis der Nierenkolik reaktiviert, Emotionalität und Präzision sind dabei kein Widerspruch. Hobmeier alias Bense gibt in Form eines fiktiven Interviews Auskunft über seine Reise nach San Francisco. Im Stil der TV-Diskussion zwischen Max Bense, Joseph Beuys, Arnold Gehlen und Max Bill vom Januar 1970 findet eine 23-minütige Befragung statt.