Seminar zur Disziplinargesellschaft «  


    

 

Die These(n)

Die Verwendung vernetzter, internetfähiger Technik fördert eine kollektive digitale Überwachung , da softwarebasierte Technik leicht abhör- und überwachbar ist und den modernen, technikbegeisterten Nutzer fast zu jedem Zeitpunkt umgibt. Überwachung leicht gemacht, wenn die zu beobachtende Person die Kamera nun selbst in der Hand hält und zunehmend der Schreiber seiner eigenen Überwachungsdaten/ -protokolle wird. Von der Telefonnummer bis hin zum höchst privaten Gefühlschaos, Daten werden heute vom Nutzer auch selbst, detailliert und teilweise völlig schamfrei im Internet veröffentlicht. Social Media, Blogs, Foren und private Websites, nie wurde soviel Content im Internet von den Nutzern selbst erstellt.

 

Laut zahlreicher Verschwörungstheorien sammeln Unternehmen und Staaten diese Daten und erzeugen digitale Abbilder sämtlicher bekannten Nutzer / Einwohner und füttern diese ständig mit neuen Informationen und Nutzerdaten. Dieses Archiv an vergangener Taten- und Datenbestände soll die Vergangenheit abrufbar machen und durch Klassifizierung, die Nutzer / Bevölkerung in unterschiedliche Nutzer- oder auch Gefahrengruppen einteilen und bewerten. Es entsteht ein stetiger Fluß an Datenströmen, der diese digitalen Abbilder durch Aktualisierung vorhandener Daten und Sammeln und Verarbeiten neuer Datensätzen, ständig füttert. [Vgl. Baumann/Lyon (2013)]


 

Die Idee

In einem Selbstexperiment unterbreche ich all meine vernetzten, trackbaren, digitalen Ströme um somit in der Timeline meines digitalen Ichs eine Lücke zu erzeugen.

Ich mache mich, frei nach Hans-Christian Dany's Buch "Morgen werde ich Idiot" (Edition Nautilus 2013), eine Woche lang selbst zum Idioten und boykottiere in diesem Zeitraum unser allgemeines digitales Überwachungssystem und setzte mich, als bekennender Internetjunkie und Technikliebhaber, selbst auf einen kalten Entzug aus der digitalen Welt.


Das Selbstexperiment im Detail

Wenn wir davon ausgehen, dass sämtliche digitalen Bewegungen zu jedem Zeitpunkt von Unternehmen oder vom Staat aufgezeichnet und bewertet werden, besteht die Möglichkeit diesen Vorgang zu verhindern, entweder durch :

  • eine flächendeckende Verschlüsselung und vollständige Anonymisierung unserer Daten
  • einen radikalen Verzicht aller trackbaren, vernetzten digitalen Produkte.

Da die erste Möglichkeit meiner Meinung nach derzeit (noch) eine Utopie darstellt, konzentriere ich mich auf die zweite Möglichkeit. Ich versuche hierbei zu zeigen, in wie weit es Auswirkungen auf mich, als Student und zeitgleich Medien- und Technikjunkie hat, von einem Tag auf den nächsten in einer digitalen Isolation zu Leben.

Ich werde somit in einem Selbstversuch den ständigen Strom an persönlichen Daten (von Internet-, Telefon- bis Banktransaktionsdaten) für eine Woche komplett unterbrechen. Ein abrupter, kalter Entzug aus der digitalen Welt, eine Woche unsichtbar.

 

Dies bedeutet ich nutze in dieser Woche :

Kein Internet, kein Telefon oder Smartphone und keine Kredit- oder EC-Karte

Ich werde jeden Tag einzeln in einem Videolog reflektieren und meine wichtigsten Gedanken und Gefühle in einem Tagebuch niederschreiben. Im Rahmen dieser Dokumentation ist eine detaillierte Darbietung aus zeitlich Gründen leider nicht möglich, daher beschränke ich mich jeden Tag auf spezielle Punkte.


Die Umsetzung des Experiments

Vorbereitung

Als vorbereitende Maßnahme informierte ich meine engsten Freunde und meine Familie von meinem Experiment. Ich baute mir eine Smartphone-Attrappe, die mir dabei helfen sollte, ähnlich wie Fake- oder E-Zigaretten bei Rauchern, mich bei meinem Entzug aus der digitalen Welt zu unterstützen. Eine verspiegelte Folie als Display sollte mich hierbei bei einer vermeintlichen Benutzung motivieren und mich bei meinem Vorhaben durch einen Blick auf mich selbst stärken. Mit meinem echten Smartphone erzeugte ich einen Blick auf mein "Digitales Ich" und mit dieser verspiegelten Folie, wollte ich somit den Blick auf mein "Analoges Ich", schärfen und zeitgleich symbolisieren. [Vgl. Baumann/Lyon (2013)]

 

Tag 1 - Vergiss die Routine(n)

Ein klingelnder Wecker...Draufhauen zum Abschalten, eine Bewegung die ich seit Jahren nicht mehr machte. Ich benutzte nämlich seit Jahren mein Handy als Wecker. Eine zweite Routine, die ich direkt im Anschluss an das Ausschalten des Weckers entwickelt habe, wurde noch während des Klingelns vermisst. Das tägliche Emails, WhatsApp und Nachrichten lesen wurde normalerweise noch gleich im Bett erledigt.

Nach Bad und Küche, fehlte mir direkt Routine 3. Zum Frühstück, am Rechner Zeitung und tagesaktuelle Nachrichten lesen, und danach neu-deutsch "Facebooken", um sich seine Neugier und persönlichen Informationsdrang zu befriedigen.

Routine Vier entdeckte ich während der Vorlesung, als ein interessanter Begriff gefallen war, den ich normalerweise sofort mit meinem Smartphone nachgeschlagen hätte. Leider befand sich in meiner linken Hosentasche, in der sich nun seit Jahren mein Smartphone / Handy befindet (Routine 5) nur meine verspiegelte Attrappe. Und da war er, der Moment des Erschreckens...

Als ich nichtsahnend mein Smartphone aus der Tasche zog und statt der Uhrzeit mein eigenes Gesicht in der verspiegelten Folie der selbstgebauten Attrappe gesehen hatte. Ein Blick, den ich selbst noch nicht von mir kannte, ein Blick bei dem ich mir selbst fremd wirkte.

Normalerweise (Routine 6) hätte ich diesen ungewöhnliche und beklemmenden Gefühl per Nachricht oder Telefon mit meinen engsten Freunden oder meiner Freundin, die ich in Furtwangen nur über digitale Kommunikationswege erreiche, geteilt. Somit entschloss ich mich hierfür, als Ausgleich für WhatsApp, Telefon und Email, Briefe zu schreiben.

 

Tag 2 - Arbeit lenkt ab

Dieser Tag war der Startschuss für den Drehbeginn eines mehrtägigen Filmprojekts. Durch mein verspätetes Aufstehen (Der Snooze-Taste sei Dank!) hatte ich keine Zeit zu Frühstücken. Somit wurde ich nicht gleich schon früh morgens von meinen fehlenden Routinen bedrängt, weil ich schlichtweg einfach keine Zeit hatte um an diese zu denken.

Dies galt auch generell für den ganzen Tag : Das Motto von Tag 2 hieß Arbeit.

Ich war bis auf eine handvoll Situationen von der Arbeit am Set fast völlig abgelenkt, so dass ich kaum die Chance hatte währenddessen überhaupt mein Smartphone zu nutzen, geschweige denn an etwas Anderes als an "wo stellen wir das Licht denn jetzt hin?" zu denken.

Die auffälligsten Situationen begegneten mir jeweils vor und nach der Arbeit :

  • Dieses hilflose Gefühl, einfach an einem Treffpunkt zu stehen und alleine auf jemanden zu warten, ohne jegliche Kontaktmöglichkeit. Sich keine Rückmeldung einzuholen, ob sich mein Team einfach nur verspätet oder ob etwas schlimmes passiert ist, fühlt sich ungewohnt und gleichzeitig fremd an. Diese Gefühl der Hilflosigkeit machte sich breit, als ich alleine da stand und zehn Minuten auf mein Team wartete.
  • Als die Arbeit zu Ende war, griffen mehrere um mich herum direkt zum Smartphone, telefonierten oder schrieben. Ich verspürte hierbei eine gewisse Eifersucht. Das Teilen der Gedanken und gleichzeitige Verarbeiten des Erlebten, mit meiner Freundin oder meinen Freunden vermisste ich doch sehr.

Somit setzte ich mich, als ich nach Hause kam, direkt an meinen Schreibtisch und schrieb einen Brief. Wie lange hatte ich eigentlich schon keinen persönlichen Brief mehr geschrieben? Jahre!

 

Tag 3 - Hoch lebe der Nikolaus

Der Dreh ging zum Glück weiter. Das bedeutete wieder: Morgens früh raus, den ganzen Tag auf den Beinen und abends spät ins Bett. Die dauerhafte Anspannung von Tag 1 hat sich in diesen zwei Tagen schneller gelegt als ich gedacht hatte. Dieses ständige Unwohlsein reduzierte sich auf Gedankenschübe, die vor allem in den Drehpausen, an denen plötzlich alle um mich herum ihr Smartphone benutzen, auftraten. Wie geht es meinen Freunden und meiner Familie? Was machen die gerade? Es waren Fragen, die mir die mir mein lokales Umfeld leider nicht beantworten konnte...

Ich habe an diesem Tag ein Paket mit einem langen Brief von meiner Freundin erhalten und mich über dieses Geschenk gefreut wie ein kleines Kind an Weihnachten. Die Schokolade war hierbei natürlich zweitrangig, denn ich brannte darauf zu lesen wie es ihr geht und was sie macht. Ich verschlang den Brief voller Freude und fragte mich: Wann habe ich mich das letzte mal so sehr über einen Brief gefreut?

An diesem Nikolaustag hatte ich mit einer meiner Mitbewohnerinnen, Geschenke vor die WG-Zimmer-Türen der anderen Mitbewohner gestellt. Als ich nach dem Dreh spät abends nach Hause kam, hin folgender Zettel an meiner Tür:

Ich freute mich sehr über diese analoge Nachricht, die ohne dieses Experiment wohl nie auf Papier geschrieben worden wäre. Sie wäre somit nur eine von vielen digitalen Nachrichten gewesen, die ich an diesem Tag empfangen hätte und die in ihrer Wirkung kaum so emotional wären wie in dieser Form.

 

Tag 4 - Kommunikation > Information

Der dritte Drehtag war nur auf einen halben Tag angesetzt, somit hatte ich mehr Zeit um ausführlicher mit meinen Mitbewohnern zu reden oder in Ruhe zu lesen. Mir ist an diesem Tag aufgefallen, dass ich mir nun generell mehr Zeit für einzelne Situationen genommen hatte. Ich war in der Vorlesung und in Gesprächen weniger abgelenkt. Vor allem die Gespräche mit meinen WG-Mitgliedern erschienen mir etwas tiefgründiger als sonst. Ich vertraute ihnen vielleicht eher Sachen an, die ich sonst nur engeren Freunden erzählt hätte. Gleichermaßen lag es an dem Fakt, dass ich in Gesprächen nicht abgelenkt wurde durch Nachrichten, Anrufe oder den Zwang alle 20 Minuten meinen Facebook-Feed zu lesen.

Das Verlangen nach Kommunikation überwiegte dem Verlangen nach Informationen - um Längen.

Meine Informationsbeschaffung beschränkte sich auf Gespräche und Berichte aus tagesaktuellen Zeitungen, die in der Bibliothek lagen. Ich war somit von deren Sortiment abhängig und konnte die Art der Informationen und Neuigkeiten nicht selbst bestimmen. Vorallem das verlinkte Lesen von Nachrichten fehlte mir, mit dem ich mein Wissen zu Themen, die mich besonders interessierten, vertiefen konnte. Doch damit hatte ich mich nach 4 Tagen Abstinenz einigermaßen abgefunden.

 

Tag 5 - Und täglich grüßt das Phantom

Dieser Tag war ich mit einem ganztägigen Workshop gefüllt. Als ich nach einem Toilettengang in einer Pause den Seminarraum wieder betrat, kam ich ins Staunen. Es hatten tatsächlich alle 8 Teilnehmer plus Seminarleiter, also alle die sich in diesem Raum befanden, ihr Smartphone in der Hand. Ich blieb kurz im Raum stehen und beobachtete, wie sich jeder auf seine Weise, entweder mit Spielen, Lesen oder Schreiben beschäftigte. Zu diesem Zeitpunkt kam ich mir fremd vor, ich fühlte mich das erste Mal als ein Art Aussteiger unserer Kommunikationsgesellschaft.

Am heutigen Tag verspürte ich eine Menge der sogenannten "Phantom-Vibrationen", die mir zuvor eigentlich noch nie an mir aufgefallen waren. Hierbei dachte ich, dass die Smartphone-Attrappe in meiner Hosentasche ständig anfängt zu vibrieren. Dies war ein sehr verwirrendes Gefühl, da ich doch eigentlich wusste, dass sich in meiner Hosentasche kein echtes Smartphone befindet.

 

Tag 6 - Ausgepowert / Ich tausche einen Tag gegen Sieben

Dieser Tag war mit Abstand der Schlimmste. Ich fühlte mich den ganzen Tag ausgepowert. Ich hatte mir persönlich niemals vorgestellen können, dass mich diese Woche doch so sehr belasten würde. Gerade weil ich kein richtiger "digital Native" war und ich das "analoge Leben" noch bis zu meiner Pubertät lebte. Die ersten schlimmen Entzugserscheinungen machten sich breit. Ich konnte in dieser Woche durchweg schlecht einschlafen, jedoch konnte ich an diesem Tag so gut wie gar nicht schlafen. Ich fühlte mich körperlich sehr schlapp und es fiel mir schwer meine Gedanken im Videolog zu bündeln.

Ich hatte an diesem Tag per zufälligen Blick auf einen Laptop, erfahren dass Nelson Mandela gestorben war. Mich hatte zu dem Thema keiner meiner Freunde angesprochen. Das hatte mir wieder mal verdeutlich, dass ich explizit erfragen musste was an diesem Tag geschehen war, da wirklich alle aus meinem Umfeld davon ausgingen, man hätte es eben auch mitbekommen.Es stand ja überall.

An diesem Tag fiel in Furtwangen das O2-Netz aus und ich habe im Vorbeigehen mitgekriegt, wie sich zwei Studenten darüber unterhielten und aufregten. Dabei dachte ich mir: "Mit euch beiden würde ich gerne tauschen - einen Tag gegen Sieben!"

 

Tag 7 - Vorfreude bis zur Erlösung

Die Stimmung vom Vortag kippte, die Euphorie stieg mit dem Fortschreiten des Tages immer mehr an. Ich musste nur noch den Tag überstehen und konnte dann wieder zurück in mein altes Leben, wieder mit meinen Liebsten reden, wieder ein Teil der digitalen Gesellschaft sein.

Doch wollte ich das? Wollte ich wieder zurück in ein Leben voller Zwänge? Dies konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht ernsthaft beantworten.Ich war so gespannt wieviele Nachrichten ich wohl gekriegt habe und was ich diese Woche alles verpasst hatte.

Ich unterhielt mich an diesem Tag mit mehreren Kommilitionen, die von meinem Selbstexperiment gehört hatten. Die Meinung darüber war immer eindeutig : "Krass, ich könnte das nicht!" oder "Bist du verrückt?" Einer davon versuchte mich per Facebook zu kontaktieren, ein anderer per WhatsApp. Beide wunderten sich warum ich nicht antwortete und beide hatten daher Leute aus meinem näheren Umfeld nach mir gefragt. Was haben mir wohl noch andere in dieser Zeit noch so alles geschickt? Um 0.00 Uhr sollte ich es erfahren!

 

Um Punkt 0.00 Uhr griff ich zu meinem Smartphone, telefonierte drei Stunden und war überglücklich wieder in meinem alten Leben zu sein. Völlig egal wer mich dabei abhörte und welche Daten ich dabei produzierte...


Interaktive Stimmungskurve

Diese Kurve repräsentiert meine Stimmungslage im Laufe des Experiments. Bei einem Klick auf die roten Buttons werden Auszüge ausgewählter Videos meines täglichen Videologs gezeigt.


 

Quellen und ähnliche Projekte